Beitrag von Ulrich Bongertmann, dem Mitglied der Chefredaktion der Verbandszeitschrift „geschichte für heute“
Aus der Schule hinaus in die wirkliche Welt an einen „außerschulischen Lernort“ zu gehen, gilt in der Pädagogik als hochmotivierend für viele Jugendliche, die das Lernen im Klassenraum oft als der Alltagswelt entrückt empfinden. Im Fall der Geschichte sollen dabei im Klassenraum unzugängliche authentische Originale erschlossen werden, von alten Gebäuden über historische Schauplätze bis zu Mumien in Museen, an denen historische Erkenntnisse zu gewinnen sind. Im günstigen Ausgang bleiben sie stärker im Gedächtnis als die nur aus zweiter Hand über Texte oder andere Medien vermittelten Eindrücke.
Ob der Lernerfolg am Ende auch nachhaltig bleibt, das fällt unterschiedlich aus, doch die spürbare Attraktion selbst einer kleinen lokalen Erkundung, eines historischen Stadtganges oder einer Tagesexkursion, die vielleicht im Rahmen eines Projektes durchgeführt wird, steht ganz außer Zweifel. Dabei spielen auch die veränderten Kommunikations- und Arbeitsformen eine wichtige Rolle, bei denen die Jugendlichen mit unbekannten Erwachsenen neu zusammentreffen, die das gewohnte Monopol der Lehrkraft relativieren.
Anbahnung historischer Lernziele
Bei mehrtägigen Klassen- und Kursfahrten sind die historischen Lernziele stets Teil eines Gesamtpakets, das auch weitere kognitive, soziale und multidisziplinäre Aspekte enthält. Wenn eine Städtefahrt ansteht und die aufzusuchenden Sehenswürdigkeiten vorgestellt werden, sind die historischen Punkte ebensowenig sofort die attraktivsten, wie Geschichte das Lieblingsfach der Mehrheit wäre. Werden z. B. vor einer Berlinfahrt die denkbaren Museen und Ausstellungen erwogen, entbrennt nicht sofort Neugier. Doch ist das zu überwinden. Atmosphärische Erlebnisse wie eine weltstädtische Einkaufsmeile, ein farbenfroher Marktplatz oder die mit der Jugend aus der ganzen Welt besetzte Spanische Treppe in Rom können zwar leichter Jugendliche anziehen als historische Objekte, doch zeigt die Erfahrung, dass in den meisten die unmittelbare Begegnung mit der Geschichte dahinter rasch Interesse und Motivation hervorruft.
Differenzierung der Zielorte
Das historische Bewusstsein und Interesse wachsen bei Kindern und Jugendlichen in Stufen: Eine 6. Klasse kann sich für leicht verständliche und anschauliche Vorgänge wie frühere Lebensformen, frühzeitliche Siedlungen, mittelalterliche Burgen oder Industrieprojekte erwärmen, die in archäologischen oder anderen erhaltenen Überresten sichtbar werden; Schülerinnen und Schüler höherer Klassen sind authentische Stätten von erlittenem Unrecht zuzutrauen, die menschliche Extremsituationen unter dem Einfluss Gewalt vor Augen führen, daher sollten die Fahrten zu KZ-Gedenkstätten oder historischen Lernorten zur DDR-Geschichte zum breiten Standard werden. Dies gilt nicht weniger für die gymnasiale Oberstufe oder Berufliche Schule, wobei die Jugendlichen dieses Alters bereits stärker die politischen und weltanschaulichen Hintergründe individueller Schicksale erfragen. Gerade bei Orten, die mit menschlichen Konflikten verbunden sind, entwickeln sie ein empfindlicheres Bewusstsein für Themen wie Schuld, Verantwortung, Moral und Gesellschaft. Daraus entwickeln sich auch Diskussionen mit einem ernsthaften Austausch über das Geschehene, die zugleich den Wert erlernter Kenntnisse bewusst machen können, die auf das historische Thema anwendbar sind. Doch sollten historische Lernorte ebenso positive Signale ausstrahlen, wie Orte der Demokratiegeschichte (Frankfurter Paulskirche, Hambacher Schloss, Herrenchiemsee) oder der europäischen Einigung (Haus der Europäischen Geschichte Brüssel). Orte, die zur Migration nach Übersee oder zum europäischen Kolonialismus (Ethnologische Museen) aufklären, nutzen dafür oft die szenische Präsentation oder digitale Simulation, die bessere Vorstellung und emotionale Beteiligung ermöglichen.
Auf die Anregung durch die Originale vertrauen
Lehrkräfte bemerken bei ihren Fahrten auch die Faszination durch pure Monumentalität gewaltiger historischer Kathedralräume, die Pracht großartiger Paläste (Alhambra), sogar durch Ruinen wie das Kolosseum in Rom oder griechische Tempel. Viele Jugendliche haben diese schon zuvor in medialer Form kennengelernt, das Original übertrifft dies meist noch. Die Größenverhältnisse und Distanzen am konkreten Ort machen Zusammenhänge verständlicher. Auch wenn die wenigsten in der ersten Begegnung auf kunsthistorisches Vorwissen zurückgreifen können, wird manchen der Sinn entsprechender Kategorien aber deutlich. Hier sollte man der möglichen Anregung vertrauen.
Man mag einwenden, dass die typische historische Führung in einem Museum oder an einem historischen Ort zum Frontalunterricht tendiert. Dort bieten sich aber Auswege über moderne digitale Angebote (Apps, 3-D-Brillen), die die Lernschritte jedem und jeder Einzelnen überlassen. So lassen sich die Zugangsweisen individualisieren sowie unterschiedliche Lernzeiten und Interessenstufen berücksichtigen.
Zweifellos werden Klassen- und Kursfahrten weiterhin viele historische Lernorte aufsuchen und damit den jungen Menschen auch ein Modell geben, wie sie ihre Haltung zur Geschichte in ihren künftigen Lebenswelten lebenslang weiter ausgestalten können.
Ulrich Bongertmann war viele Jahre bis 2024 Fachleiter für Geschichte und Latein am Studienseminar Rostock sowie Fachreferent für Geschichte im Bildungsministerium von Mecklenburg-Vorpommern. Als Lehrer war er an vielen Romfahrten beteiligt. Daneben war er von 2012 bis 2018 der Bundesvorsitzende des Verbandes der Geschichtslehrerinnen und -lehrer (VGD). Aktuell gehört er noch der Chefredaktion der Verbandszeitschrift „geschichte für heute“ an.